Sie sind hier: Startseite News & Events Der kulturelle Rucksack der …

Der kulturelle Rucksack der Wildtiere (10.09.2019)

Die reißende Bestie aus den Märchen und das sympathische Tier: Die Wahrnehmung von Wölfen und Luchsen in der deutschen Bevölkerung unterscheidet sich gravierend. Von beiden Raubtieren gehe keine Gefahr für den Menschen aus, sagt Dr. Marco Heurich. In seinem Buch „Wolf, Luchs und Bär in der Kulturlandschaft“ beschreibt er die Konflikte und Lösungsansätze im Umgang mit den großen Beutegreifern. Doch so unterschiedlich Wölfe und Luchse von den Menschen auch gesehen werden – beide Tiere sind durch illegale Nachstellungen gefährdet.
Der kulturelle Rucksack der Wildtiere (10.09.2019)

Bei vielen Menschen ist eine tiefsitzende Angst vor dem Wolf vorhanden. Foto: Jim Cumming88/stock.adobe.com

Der Wolf ist zurück in Deutschland – und über ihn gibt es seit einigen Monaten viel zu lesen: nicht mehr nur in Märchen als tierischen Gegenspieler, sondern in Zeitungsmeldungen als realen Täter, der Nutztiere reißt. Die Ängste innerhalb der Bevölkerung sind teilweise so groß geworden, dass nach einem Kabinettsbeschluss der Bundesregierung das Bundesnaturschutzgesetz geändert werden soll. Dadurch wäre es dann einfacher, einen Wolf und seine Rudelmitglieder abzuschießen. Das diene dem besseren Schutz der Bürgerinnen und Bürger in Regionen, wo Wölfe schon dicht an die Wohngebiete herankommen, und dem Schutz der Weidetierhaltung, so die Erläuterung zu diesem Beschluss.

Naturschutzbiologe Dr. Marco Heurich sieht das kritisch. „Wir Menschen sollten vielmehr lernen, mit dem Wolf zu leben“, sagt der Privatdozent der Universität Freiburg. Die Rückkehr der Wölfe in von Menschen dominierte Landschaften stelle eine große Herausforderung für den Schutz dieser Tierart dar: „Die Frage, wie Menschen mit Raubtieren koexistieren können, löst starke Emotionen aus. In Märchen wird der Wolf als reißende Bestie dargestellt. Zudem leben die Tiere in Rudeln und ihr Heulen klingt unheimlich. Da ist bei den meisten Menschen eine tiefsitzende Angst vorhanden. “

Menschen sind für den Wolf keine Beute

Der Forscher untersucht die Populationen von großen Wildtieren wie etwa Luchsen und eben auch Wölfen. Dafür arbeitet er mit Verfahren wie der Telematik, Fotofallen, Computersimulationen und genetischen Analysen. Zudem bezieht Heurich wichtige Zahlen von der Dokumentationsstelle des Bundes, der DBBW: Das bundeweite Monitoring für Wölfe erfasst sowohl die so genannten Hard-Facts – etwa Aufnahmen von Fotofallen, genetische Daten, Kadaver sowie verifizierte Daten wie Bilder von Rissen und Spuren – als auch nicht bestätigte Beobachtungen. „Die Wolfspopulation steigt stetig an, circa um 30 Prozent pro Jahr“ erklärt der Naturschutzbiologe, „da sie bisher streng geschützt war. Dennoch begegnet der Mensch diesen Tieren nicht oft. Im Bayerischen Wald gibt es zum Beispiel ein Rudel, aber Besucherinnen oder Besucher haben es bisher noch nie gesehen.“

Die Ängste, die Menschen in Deutschland vor Wölfen haben, kann Heurich nicht rational nachvollziehen: „Menschen sind für diese Tiere keine Beute. Seit dem ersten belegten Nachwuchs in Deutschland im Jahr 2000 wurde niemand von einem Wolf verletzt. Das ist ein großer Unterschied zum Beispiel zu Tigern, die Menschen direkt als Beutetier sehen. Der Hund gilt als des Menschen bester Freund, aber der Wolf wird völlig irrational als etwas Böses und Gefährliches wahrgenommen.“ 

Mit dem Füttern beginnen die Probleme

Wenn Jungtiere ihre Eltern verlassen und ein eigenes Streifgebiet suchen, legen sie große Strecken zurück, zum Beispiel vom Bayerischen Wald bis nach Thüringen oder in einem Fall sogar bis nach Hamburg. „Dabei kann es natürlich geschehen, dass sich ein Wolf verläuft und in einem Dorf gesichtet wird.“ Die jungen Tiere reagieren, so Heurich, nicht panisch, wenn sie auf Menschen treffen: „Von gesunden Wölfen geht in der Regel keine Gefahr aus. Das heißt aber nicht, dass sich das nicht irgendwann ändern kann. Die Probleme kommen dann, wenn die Tiere gefüttert werden.“ Statistiken aus den Nationalparks in Nordamerika belegen, dass Wölfe, denen Besucher Nahrung anbieten, bereits nach kurzer Zeit anfangen, aggressiv nach Futter zu betteln.

Heurich ist es wichtig, dass in Deutschland für alle Regionen ein gutes Wildtiermanagement existiert, sodass Beobachtungen gemeldet und analysiert werden können. Wenn sich ein Wolf auffällig verhält, solle zunächst versucht werden, ihn zu vergrämen. Im äußersten Fall müsse, so sieht es auch Heurich, das Tier getötet werden: „Die menschliche Sicherheit hat oberste Priorität.“ Aber bevor der Abschuss vereinfacht wird, sobald Wölfe Nutztiere reißen, plädiert der Forscher dafür, in Schutzmaßnahmen zu investieren – etwa in Elektrozäune und Herdenschutzhunde, die Raubtiere fernhalten. „Kleinere elektrische Zäune sind durchaus wirksam, um Wölfe von stark konfliktträchtigen Gebieten mit hoher Dichte an Nutztieren auszuschließen.“

 Der Luchs ist sogar in Regionen, in denen er oft vorkommt, in der Bevölkerung beliebt. Foto: Ralph Frank/WWF

Der Luchs ist sogar in Regionen, in denen er oft vorkommt, in der Bevölkerung beliebt.
Foto: Ralph Frank/WWF

Konflikte um den Luchs spitzen sich zu

Neben Wölfen gibt es in deutschen Wäldern weitere große Wildtiere, die Jagd auf andere Tiere machen – zum Beispiel den Luchs. Durch gezielte Wiederansiedlungen in ganz Europa breiteten sich in den vergangenen Jahrzehnten Luchse auch in Deutschland aus. „Anders als der Wolf trägt der Luchs keinen kulturellen Rucksack mit sich herum“, erklärt der Naturschutzbiologe. „Er taucht nicht in Märchen auf und in den Medien wird objektiv über ihn berichtet. Zumeist stellen Zeitungen aktuelle Forschungsprojekte und ihre Ergebnisse vor, vermitteln also eher wildbiologisches Wissen über den Luchs.“ In der Bevölkerung gebe es keine Angst. Umfragen belegen, erklärt Heurich, dass diesem Tier große Sympathien entgegengebracht werden – selbst in den Regionen, in denen Luchse häufig vorkommen.

Dennoch steigt die Luchspopulation in manchen Gebieten Deutschlands, anders als die der Wölfe, nicht an. Zurückzuführen ist das auf Wilderei. Heurich erklärt, dass Modellergebnisse zeigen, dass im Ökosystem des Böhmerwalds, dem Gebiet entlang der tschechisch-deutsch-österreichischen Grenze, in jedem Jahr bis zu 15 Tiere illegalen Handlungen zum Opfer fallen. Umfragen bei tschechischen Jägerinnen und Jägern haben ergeben, dass eine Motivation dafür ist, sich eines Konkurrenten um das Rehwild zu entledigen. „Luchse sind zudem einfacher als Wölfe zu fangen oder zu töten, da sie länger an einem Beutetier fressen. Nachdem sie ein Reh gerissen haben, ziehen sie erst nach circa drei bis vier Tagen weiter.“ Die Aussterbewahrscheinlichkeit habe dadurch im Böhmerwald einen kritischen Punkt erreicht: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Population der Luchse wieder aussterben kann, liegt im ungünstigsten Fall bei bis zu 74 Prozent.“

Annette Kollefrath-Persch