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Freiheit zum Experimentieren (05.02.2021)

Der Wissensdialog Nordschwarzwald ist abgeschlossen: Nach der ersten dreijährigen Förderung, bewilligte das Land Baden-Württemberg Gelder für weitere zwei Jahre. Und es war eine spannende Zeit, denn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Universität Freiburg begleiteten von 2015 bis 2020 gemeinsam mit Forschenden der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, der Forstlichen Versuchsanstalt Baden-Württemberg und des Ökoinstitutes e.V. die Anfänge des Nationalparks Schwarzwald. Sie arbeiteten dabei eng mit Akteurinnen und Akteuren aus der Nationalparkregion zusammen. Annette Hoffmann sprach mit der Geschäftsführerin des Projekts Dr. Regina Rhodius von der Professur für Fernerkundung und Landschaftsinformationssysteme über die Freiheit der Forschung und ihre Grenzen, Wissenslabore und den Auerhahn.
 Freiheit zum Experimentieren (05.02.2021)

Zunächst Forschung, später verstärkt Lehre: „Im Laufe des Reallabors haben wir gemerkt, dass wir unser Konzept anpassen müssen“, erklärt Regina Rhodius, die für das Projekt „Wissensdialog Nordschwarzwald“ zuständig war. Foto: Patrick Seeger

Der Wissensdialog Nordschwarzwald war eines der vom Land Baden-Württemberg geförderten Reallabore. Sind sie eher Lust oder Last für die Forschung?

Regina Rhodius: In erster Linie eine Menge Lust. Der Begriff Reallabor drückt aus, dass Wissenschaftler mitten im Alltag der Menschen Forschung betreiben, das bringt spannende Begegnungen mit sich. Und das Schöne daran ist, dass einem eine große Freiheit zugestanden wird, Dinge auszuprobieren. Eine Forschungsgruppe sollte aber auch wissen, worauf sie sich da einlässt. Reallabore erfordern mehr Kommunikation und mehr interne Reflexion. Wenn man das nicht einkalkuliert, kann diese Art von Forschung schon auch mal zur Last werden.

Stehen die Reallabore für einen Wandel der Rolle der Hochschulen, als dass Forschung zur nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft beitragen soll?

Reallabore dienen dem Wandel nach innen und außen. Hin zu einer nachhaltigen Entwicklung einer Region und hin zu einer ganz neuen Zusammenarbeit von Hochschulen und Gesellschaft. In der Anfangszeit der Reallabore gab es im Wissenschaftssystem die Befürchtung, die Wissenschaft würde zu stark vor den politischen Karren gespannt und die Freiheit der Forschung eingeschränkt werden.  Aber da gibt es aus meiner Sicht keine Konkurrenz zwischen Grundlagen- und Reallaborforschung, beide haben ihre Berechtigung. Es ist auch eine Art von Freiheit, im Reallabor gesellschaftliche Spielräume zum Erproben von Problemlösungen zu erhalten.

Die Anfangsphase des Wissensdialogs Nordschwarzwald fiel zusammen mit der Gründung des Nationalpark Schwarzwald, der in der Region umstritten war. Sie sind mitten in einen Konflikt geraten?

Der Nationalpark war gerade ein Jahr alt als wir mit der Reallaborforschung begonnen haben. Wir mussten daher vorsichtig und sensibel agieren. Forschende haben ja das Gefühl, neutral und unabhängig zu sein. Geht man aber in so eine Region, wird man zum politischen Akteur und auch so wahrgenommen. Der Nationalpark musste sich in dieser Phase konsolidieren, wir durften nicht zum Störfaktor werden. Da war viel Absprache nötig. Wir haben eine Plattform für die verschiedenen Akteure geboten und mit der Reihe „Wissensdialog vor Ort“ Themen aufgegriffen, auch kritisch diskutierte. Das wurde gut und konstruktiv aufgenommen.

Bereitet einen das Studium der Forstwirtschaft darauf vor, in einem derartigen Konfliktfeld wissenschaftlich zu arbeiten?

Es gibt Ansätze, etwa Module, die als Projektstudien konzipiert sind, in denen Studierende in kleinen Gruppen Problemstellungen bearbeiten. Bei uns bekamen die Studierenden in so einem Modul ihre Aufgaben aus der Praxis. Da kam also zum Beispiel jemand aus der Verwaltung des Landkreis Freudenstadt, der Ideen für das Tourismuskonzept suchte. Die Studierenden hatten damit nicht nur mich als Ansprechpartnerin, sondern auch die Person, die die Fragestellung eingebracht hatte. Und am Ende, bei der öffentlichen Ergebnisvorstellung waren wir überrascht, wie positiv die Ideen der Studierenden in der Region aufgenommen wurden, viel offener, als etwa Ideen der Expertenteams. In der zweiten Förderphase haben wir daher den Fokus auf die Lehre gesetzt. Im Laufe des Reallabors haben wir gemerkt, dass wir unser Konzept anpassen müssen, weil die Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Praxisakteuren mehr Zeit braucht. Wir schreiben gerade ein Lehrkonzept, in dem wir für ein zweisemestriges Modul plädieren. Man braucht eine gewisse Kontinuität, um Qualität zu erreichen und es ermüdet Partner aus der Praxis, wenn sie jedes Vierteljahr mit neuen Gesichtern konfrontiert sind. Die Studierenden haben hautnah mitbekommen, was es heißt, in einem politisch sensiblen Umfeld zu arbeiten. Für ihre weitere berufliche Zukunft ist das sicherlich von Vorteil.

Das Projekt ist abgeschlossen. Wie wird das Wissen, das in den einzelnen Projekten generiert wurde, über den Abschlussband hinaus selbst nachhaltig?

Wir sind mit sieben Teilprojekten gestartet, später waren es neun. Durch diese Breite konnten sich viele Menschen aus der Region bei uns andocken und jedes Teilprojekt hat ein Ergebnis, das der Region zugutekommt. Einzelne konzipierte Waldtherapieangebote werden bereits umgesetzt, die eingerichtete Fläche zur Beobachtung der Wildnisentwicklung wird vom Nationalpark weiterbetreut. Forschende haben Holzkohlereste von alten Meilern untersucht und konnten daraufhin sagen, wie früher die Baumartenbesetzung im Wald war. Ein historisches Thema, dass auch heute eine hohe Relevanz hat, etwa wenn diskutiert wird, ob die Fichte in den Nordschwarzwald gehört. Im Nationalpark geht es um den Schutz sensibler Tier- und Pflanzenarten, und der Nationalpark hat oft mit dem Bild des Auerhahns für sich geworben. Doch der kräftige Auerhahn sieht aus, als bräuchte er keinen Schutz. Nachdem sich ein Forschungsteam mit der Wahrnehmung von Wildtieren befasst hat, macht der Nationalpark jetzt auch mit Auerhuhn und Küken oder einem Specht auf sich aufmerksam. Und wir freuen uns sehr, dass der Landkreis Freudenstadt derzeit im Rahmen seines Konzepts für einen nachhaltigen Landkreis prüft, wie er Nachhaltigkeitsideen, die unsere Studierenden entwickelt haben, integrieren kann.

 

Der Wissensdialog Nordschwarzwald wurde vom Wissenschaftsministerium des Landes Baden-Württemberg im Rahmen des Programmes „Wissenschaft für Nachhaltigkeit“ gefördert. Das Projekt leitet Prof. Dr. Barbara Koch von der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Universität Freiburg.

Ein Aufsatzband stellt die neun Teilprojekte des Wissensdialogs Nordschwarzwald vor und gibt so einen Einblick in die historische Waldnutzung und Waldentwicklung. Zudem erläutern die Mitarbeitenden des Projekts aber auch die Probleme beim Öffentlichen Nahverkehr in ländlichen Regionen oder die Etablierung eines Gesundheitstourismus. Über die Vorstellung der einzelnen Projekte hinaus stellt der Band auch eine exemplarische Einführung in das Thema des Reallabors dar.

Aufsatzband: Rhodius, R., Bachinger, M., Koch, B. (Hrsg.) (2020): Wildnis, Wald, Mensch. Forschungsbeiträge zur Entwicklung einer Nationalparkregion am Beispiel des Nordschwarzwalds. München.